Februar 22nd, 2011

Debatte: Radio to go

Radio und Internet kommen zusammen

Im Gespräch: Wolfram Wessels, Feature-Redakteur beim SWR

Der Südwestrundfunk macht seit gut zwei Jahren den Dokublog, jetzt gibt es ein neues Magazin “Mehrspur”, das Radio und Internet zusammenführt. Zu hören sind beide Programme in SWR 2, der verantwortliche Redakteur ist Wolfram Wessels, im Hauptberuf Mitglied der Feature-Redaktion. Mit dem Dokublog öffnet sich das Programm seinen Hörern und Nutzern. Ein Konzept, mit dem sich das Radio den Optionen des interaktiven Netzes stellt. Ein Gespräch über eine Perspektive des Features mit Wolfram Wessels.

allesbestens.org: Mit welchen Konzept machen Sie diese Angebote in Netz und Radio?

Wessels: Der Dokublog ist eine Internetseite, auf die man O-Töne und Geräusche hochladen kann mit der Besonderheit, dass man diese Feature und O-Töne auch wieder herunterladen und weiterverarbeiten kann. Zusätzlich müssen die Autoren, die ein Feature hochladen, angeben, woher sie die O-Töne haben. So entsteht eine Transparenz des Entstehungsprozesses. Diese Arbeit findet im Internet statt und wird dann weitergeführt im Radio. Es gibt Sendungen, in denen das, was auf sich dem Dokublog abspielt, zu hören ist.

allesbestens.org: Die neue Sendung “Mehrspur” nennt sich Magazin, hört sich jedoch an wie ein Feature. Welche Spuren werden bespielt?

Wessels: Eine Spur ist der Dokublog, das Internetprojekt, von dem Beiträge gespielt werden. Die zweite Spur ist die Reflektionsebene. Ich bemühe mich, Autoren zu finden, die nicht unbedingt aus dem Radio kommen, die aber über Radiothemen allgemein reflektieren, um so einen Diskurs übers Radio stärker zu etablieren. Der findet nämlich so gut wie nicht statt, weder im Radio selbst, noch in den Zeitungen. Die dritte Ebene sind Berichte über Ereignisse im Radio und die vierte ist ein kommentierendes, glossierendes Element. Wir küren jeweils eine Sau des Monats. Das ist die Sau, das Ereignis, das durch die Medien gejagt wird. Und die fünfte Ebene ist die Zeitung. Wir kooperieren mit der TAZ und die druckt jeweils einen Beitrag aus dem Magazin und führt die Diskussionen, die dort angestoßen sind, im Printmedium weiter.

allesbestens.org: Gibt es Vorbilder für den Dokublog?

Wessels: Am Anfang stand das Blogspiel vom Deutschlandradio. Das war ein Internetprojekt, bei dem Autoren Radiobeiträge auf eine Seite hochladen konnten, Hörspiele und Features. Das hat mich ermutigt. Mir geht es darum, das Entstehen, den Arbeitsprozeß des Radiomachens selbst mit transparent zu machen.

allesbestens.org: Die Redaktionen bekommen bei dieser Arbeit eine andere Rolle, Autoren und Nutzer haben mehr Spielräume. Wie hat sich Ihr Selbstverständnis durch diese Arbeit verändert?

Wessels: Ich versuche mich zurückzunehmen und nur Moderator zu sein. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Ich geben Anstöße, setze Themen für die Autoren. Aber im Prinzip sind es eigene Ebenen im Internet und im Radio, die für sich sind und dann zusammenkommen. Wo ich stärker aktiv bin, das ist die Mehrspursendung selbst. Ich stelle das Material, das angeliefert wird, zusammen, ich markiere Zusammenhänge. Und das ist ein Prozeß, in dem ich als Moderator, Redakteur und Autor tätig bin. Ansonsten verstehe ich mich eher als Moderator der verschiedenen Ebenen.

allesbestens.org: Kann man es den Höreren nicht alleine überlassen, ihre Stücke ins Netz zu setzen und mit dem Material weiterzuarbeiten, muss man sich kümmern?

Wessels: Man kann es den Höreren schon überlassen, sich zu beteiligen. Aber es hat sich gezeigt, dass es hilfreich ist, wenn man Anregungen gibt. Das heißt, wir geben jeden Monat ein Thema an, zu dem dann die Autoren und Hörer etwas produzieren können, eine Anregung, jetzt kann ich mal das Mikrophon nehmen und losziehen. Das, was gesendet wird, wird ganz normal honoriert. Wir wollen hier keinen billigen “content” gewinnen, keine billligen Sendungen produzieren, sondern jeder Beitrag im Radio wird auch honoriert. Was mich erstaunt hat, ist die Qualität dessen, was hochgeladen wird. Die ist nämlich erstaunlich hoch. Zwei Beispiele. Eine Autorin, die auch professionell als Featureautorin arbeitet, hat etwas hochgeladen Sie wollte etwas ausprobieren, das sie sich nicht traute, einem Sender anzubieten. Aber sie wollte es machen und da war der Dokublog eine Möglichkeit, zu probieren, ob diese From von Collage funktioniert. Und es war hervorragend, ich habe es gesendet. Ein zweites Beispiel: Ein Autor, den ich nicht kannte, hat immer wieder interessante Sachen hochgeladen. Ich habe ihn dann für eine Sendung angerufen, um ihn vorzustellen und es stellte sich heraus: Das ist ein Kirchenmusiker, er spielt sonntags die Orgel und gibt Klavierunterricht. Und als eifriger Radiohörer hat er den Dokublog kennengelernt und angefangen, Beiträge zu produzieren – ausschließlich für den Dokublog und er macht das hervorragend.

allesbestens.org: Können Formate wie der Dokublog oder Mehrspur das Radio verändern und aus dem Medium perspektivisch etwas Neues entwickeln?

Wessels: Es ist eine Erweiterung und es macht bewußt, was wir selbst als Radiomacher machen. Das Internet ist zunächst ein Verbreitungsweg. Was dieses Projekt versucht, ist die Kommunikationskanäle zwischen den Medien transparent zu machen, wobei die Eigenständigkeit jeweils erhalten bleibt. Man kann es im Radio so hören, als würde es das Internet und die Zeitung gar nicht geben. Genauso kann man den Zeitungsartikel lesen, ohne die Sendung hören zu müssen und man kann sich auch nur auf dem Dokublog bewegen, ohne Radio zu hören. Jedes muss für sich stimmig sein. Man kann aber durch das Internet Vernetzungen herstellen, Dinge transparent machen. Das ist eine Chance. Es wird nicht die Regel werden, aber ich glaube schon, die Macher kann es verändern und das Machen selbst kann es auch verändern.

Wolfram Wessels ist Rundfunkhistoriker und Featureredakteur beim Südwestrundfunk in Baden-Baden. http://www.swr2.de/dokublog


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