Januar 27th, 2012

Radio-Geschichte

Hyänen“ . Feature von Peter Leonard Braun. SFB 1972

Dradio Kultur,  Mi 01.02.2012 , 00.05 – 1.00 Uhr

Gastautor: Michael Lissek

Muss man eigentlich etwas zu Peter Leonhard Brauns “Hyänen” sagen? Jeder, der sich jemals mit Features auseinandergesetzt hat, Features entweder gerne hört oder gar selber welche schreibt, der kennt dieses historische Dokument früher radiophoner Dokumentation. Es ist als Mythos in die (noch zu schreibende) Ästhetikgeschichte des Radiofeatures eingegangen. Gleich neben Ernst Schnabels “29. Januar 1947″ steht es in seiner Bedeutung; gleich neben den “Hühnern” von demselben Peter Leonhard Braun, der über Jahrzehnte den Ton des deutschen (und vielleicht sogar internationalen) Radiofeatures geprägt hat.

Sind die “Hyänen” mehr als ein “Klassiker”? Sagt uns Brauns 1971 produziertes Stück auch heute noch etwas? Und was ist das für ein “Ton”, der uns da entgegenkommt, wenn wir heute die “Hyänen” hören?

Als Braun 1971 nach Afrika fuhr, um gemeinsam mit dem Toningenieur Grossmann Tonaufnahmen von nachtaktiven Hyänen anzufertigen, waren wenigstens zwei seiner Features schon Legende: Die “Hühner” von 1967; und die allererste “radiophone Dokumentation” (so hieß das Feature damals noch), die gänzlich ohne Autorentext auskam: Das Stück “8:15 Uhr, OP III, Hüftplastik” von 1970. Mit den “Hühnern” hatte Braun die Stereophonie in die akustische Dokumentation eingeführt, die Aufnahme mit zwei Mikrofonen, also den Raum und die Szene, und er hatte mit der “Hüftplastik” den “sound” als strukturierendes Element der Narration gefunden.

Das war neu. Vor 1967 führte der “Originalton” ein stiefmütterliches Dasein im Radio, und Features, auch die solcher Heroen wie Axel Eggebrecht oder Alfred Andersch, waren reine Textprodukte. Braun war es, der dem Radio den Schmutz der “Echtheit” ins System streute, und er dachte vom Ton her. Seine O-Töne dienten nicht der Verifizierung des Textes, sondern sie führten ein eigenständiges, oft widerständiges Leben bezüglich Herkunft und Zielrichtung. Aus den vor Ort aufgenommenen Tönen und Interviews schälte Braun Subtexte heraus, dialektale Färbungen, terminologische Violenzen; eine Direktheit, die das geschriebene Wort niemals erreicht hatte. Brauns Leistung als Radiomacher war und ist, dem Radiofeature das “echte Leben”, die “klingende Welt” injiziert und damit eine Entwicklung losgetreten zu haben, die noch heute im Radiofeature zu bestaunen ist, und die sich als ihr definitorisches Distinktionsmerkmal gegenüber anderen Radioformen bis in die Gegenwart gehalten hat.

Nun kann man solche Leistung auch nüchterner sehen. Denn die Injektion von Welt in eine Kunst- und Radioform ist in erster Linie (und semiologisch verstanden) nicht mehr als Rhetorik. Braun hat die Rhetorik der Radiosprache verändert, keine Frage – aber wie? Indem er, und das zeigen seine Stücke überdeutlich, auf den EFFEKT gesetzt hat, auf Direktheit, Überrumpelung, auf den Schock. Brauns Stücke kassieren die Distanz zwischen Ereignis und Hörer, indem sie den Zuhörenden direkt ins Geschehen stoßen und vor allem: ihn identifikatorisch in die dargestellten Szenen einbinden. In der “Hüftplastik” lernen wir Seima Nowak kennen, wir hören sie sprechen und sympathisieren mit ihr – und sind wenige Sekunden später dabei, wie ihr im Operationssaal III unter Knirschen und Knacken das Hüftgelenk ausgekugelt wird. Die “Piepschnäbel” der “Hühner” begleiten wir von ihrer federleichten Geburt bis auf die Schlachtbank der Massentierhaltung. Und auch in den “Hyänen” springen wir fröhlich mit einem kleinen Gnu durch den Ngoro-Ngoro-Krater, um wenige Minuten später akustisch mit zu erleben, wie es von hinten aufgefressen wird.

Was Braun da narrativ mit Tönen macht, welche Macht er sie entwickeln lässt, gerade weil das Bild dazu fehlt, das ist stark und auch heute noch beeindruckende Radioarbeit. Aber es bleibt festzustellen, dass historisch gesehen aus diesen Braun-Features (und ihrer Faszinationskraft) eine deutsche Feature-Schule hervorgegangen ist, die auf das Gefühl, den Effekt, die Überrumpelung setzt – sehr viel mehr als auf Reflexion, Feingeist, die Eröffnung von Möglichkeiten oder das akustisches Spiel mit Subtexten. Das deutschsprachige Feature, das seinen Ursprung in der von Braun geleiteten Featureredaktion des SFB hat, ist ein gewünscht rabiates und direktes, und eher dem Boulevard (“Fühlen, was geschieht”) als dem Feuilleton (“Verstehen, was geschieht”) zugeordnet.

Interessant ist an Brauns Stücken neben dem erstmaligen Einsatz von Tönen als narrativem Element allerdings noch etwas anderes. Denn wenn man davon ausgeht, dass ein Stück 55 Minuten lang ist, und die Töne die Vorherrschaft übernehmen sollen, stellt sich die Farge, was dann eigentlich mit dem geschriebenen Text geschieht. Brauns dezidierte Absicht war, die Sprache gegenüber dem Ton “klein zu machen”. Galt er in seinen sehr frühen Stücken, “Debut in Bayreuth” (1963) oder dem “Pariser Filigran” (1964), als Liebhaber der Parataxe und ausschweifender Beschreibungen, verschwindet die Parataxe in seinen berühmt gewordenen Features vollständig. In den “Hyänen” finden wir neben beeindruckenden Tonaufnahmen auch den typisch Braunschen Text-Sound. Hier die Beschreibung der Jagd von Hyänen auf ein Baby-Gnu:

Die vordere springt./Flankenbiss./Die Schlachtung beginnt./Hyänen töten eigentlich nicht. Sie fressen einfach von hinten auf. /Schwanz ab, Hoden weg, Afterblöße aufgerissen./Gleichzeitig fasst die zweite seitlich hinten./Beißt die Bauchhöhle ein./Stemmt mit den Pfoten./Rückwärtsruck./Jetzt ist er offen./Blutbad.

Der Versuch, die Sprache klein zu halten, führt zu einer gewalttätigen Verknappung der Syntax. Zu Pathos und zu Konstruktionen, die eher an August Stramms Kriegsgedichte erinnern als an die geglückte Variante einer “kleinen Sprache”. Und heute eher abstoßend und albern wirken. Sprache wird nicht klein, wenn die Sätze kürzer werden. Aber selbst in diesem Irrtum fand Braun zahlreiche Nachahmer. Für Hörer und Hörerinnen gilt: Zuhören; staunen; drüber nachdenken. Für Feature-Macher und Macherinnen: Hören – und besser machen. Viel Glück.

Michael Lissek


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