“An das Eine denken. Verteidigung des Zölibats. Fragmente zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche.” Radiophone Dokumentation von Michael Lissek SWR/RBB/WDR 2011
DradioKultur, Mi 07.12.2011, 0.05 – 1.00 Uhr
Es ist fast zwei Jahre her, da wurden die ersten Fälle sexuellen Missbrauchs im katholischen Canisius Kolleg in Berlin bekannt. Sie waren systematisch vertuscht worden. Auch andere pädagogische Institute kamen in den Focus, so die Odenwaldschule. Eine Lawine war losgetreten. Ein Thema ist dabei exklusiv katholisch: Zölibat und sexueller Missbrauch.
Katholische Priester und Ordensleute leben nach den Regeln ihres Glaubens zölibatär. Ein Thema eigentlich für eine sehr kleine Minderheit in unserer Gesellschaft: Männer, Priester, Mönche. Und obwohl diese sehr persönliche Entscheidung für ein Leben im Zölibat in der Tat nur einige wenige Menschen direkt betrifft, haben viele dazu eine Meinung. Sie finden eine sexuell enthaltsame lebensweise unnatürlich, heuchlerisch, bewundernswert. Anderen ist es einfach egal.
In Zusammenhang mit den öffentlich gewordenen Fällen von sexuellen Missbrauch, von Grenzüberschreitungen gegenüber Schutzbefohlenen in der katholischen Kirche werden jetzt alte Fragen neu gestellt: Finden sich Pädophile verstärkt im katholischen Männermillieu? Wird Macht dort auch sexuell ausgelebt, wo Schutzbefohlene, Kinder und Jugendliche, verfügbar sind? Gibt es Priestermangel, seitdem homosexuelle Männer in der Gesellschaft besser leben können?
Michael Lissek nennt sein Stück Fragmente: er kann Annährungen und Erklärungsversuche anbieten, keine schlüssigen Antworten. Leiter von Priesterseminaren, Bischöfe, Schulleiter, Psychologen und Forensiker kommen zu Wort, erklären, versuchen zu differenzen, problematisieren. Inhaltlich ist das Ergebnis unbefriedigend: alles ist möglich, wenig auszuschließen. Ein kausaler Zusammenhang zwischen Pädophilie, Zölibat und katholischem Millieu lässt sich nicht herstellen. Das wäre ja auch zu einfach.
Michael Lissek setzt das Fragmentarische formal akustisch um. Informationen werden sofort im Gegenschnitt hinterfragt, die Einschätzungen und Erklärungsversuche der Gesprächspartner konsequent und durchgängig mit Namen und Funktion angetextet. Töne von Eugen Drewermann werden als Archivmaterial gekennzeichnet, das hilft bei der Einordnung seiner Aussagen in den gesellschaftlichen Kontext. Geräusche und Musik reißen ab, wobei Michael Lissek auf die Ansage auch dieser aktustischen Elemente ohne Probleme hätte verzichten können, hier wird die Form zum Selbstzweck. Insgesamt bekommt das Stück jedoch durch diese kleinteilige Dramaturgie etwas Vorläufiges, Unfertiges, das dem Thema angemessen ist. Einfache Antworten, selbst einfache Fragen nach dem Zölibat und seinem Nutzen gibt es offenbar auch im Jahr 2011 nicht.
wa

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