„Geheimsache Ghettofilm“ Dokumentarfilm von Yael Hersonski, Israel/D 2010
SWR, Mo 30.1.2012, 23.30 – 00.55 Uhr
In dutzenden zeitgeschichtlichen Filmen haben wir die Bilder aus dem Warschauer Ghetto gesehen. Was haben wir da gesehen? Jetzt ist erstmal eine israelische Autorin der Herkunft der Bilder nachgegangen – und hat Erstaunliches gefunden.
Aus dem Warschauer Ghetto liegen 62 Minuten Film vor, schwarz-weiß natürlich, ohne Ton, oft verschliert und ausgebleicht. Verstörende Bilder, von denen wir einige Sequenzen in zeitgeschichtlichen Dokumentationen immer wieder gesehen haben. Das Gedränge in den Straßen, Sterbende an den Hausmauern, bettelnde Kinder.
Aber wo kommen die Bilder her? Dieser Frage ist die israelische Filmemacherin Yael Hersonski nachgegangen. Sie hat Zeitzeugen und Auftraggeber für die Aufnahmen gesucht. Einer der Kameramänner hat Mitte der 70er Jahre dazu ein Interview gegeben, das Protokoll konnte eingearbeitet werden. Interviews mit Überlebenden und detaillierte Tagebuchaufzeichnungen liefern weiteres Material.
Es stellt sich heraus, dass diese 62 Minuten tragischer und dramatischer Bilder auf eine Geheimoperation der Nazis zurückgehen. Wenige Wochen, bevor das Warschauer Ghetto geräumt und seine Bewohner in die Vernichtungslager verbracht wurden, drehten Nazi-Kameraleute die Szenen aus dem Ghetto. Sie haben Szene für Szene dieses Filmmaterials arrangiert und inszeniert, um ein gewünschtes Bild für die Nachwelt zu erhalten. Welchen Einfluss hatten die Abgebildeten auf die Bilder, auf die Kamera? Haben sie sich freiwillig arrangieren lassen? Was überhaupt sollten die Bilder erzählen? Neben Bettlern sieht man gut gekleidete Frauen, neben den Verhungernden gibt es Menschen, die Tango tanzen. Eine Szene zeigt eine Sitzung des Judenrats im Ghetto – ganz offensichtlich sollte demonstriert werden, die Geschehnisse im Ghetto seien von Juden selbst verwaltet und erzeugt worden. Was die Nazis eigentlich am Ende mit dem gedrehten Material anfangen wollten, ist unbekannt. Es ist auch dann nicht mehr weiter bearbeitet worden, sondern als Rohmaterial erhalten geblieben.
Durch diese Art medialer Kontextualisierung verändern sich jedenfalls beim Ansehen die für authentisch gehaltenen Bilder. Man kann plötzlich das Inszenierte an den Arrangements erkennen, die Kameraeinstellungen betrachten. Man stellt sich die Frage, was diese Bilder eigentlich zeigen – und was sie nicht zeigen. Damit leistet der Film auch eine Art von Medienkompetenz, am historischen Material, das sich doch von selbst zu beglaubigen schien.
Irritierend ist allerdings die Methode der Autorin, das Filmmaterial auch Überlebenden des Ghettos vorzuführen und ihre Reaktionen darauf in den Film aufzunehmen. Einige haben offensichtlich Angst, plötzlich Verwandte oder Freunde auf diesen Bildern wiederzufinden, diese Angst spiegelt sich in den Gesichtern. Man kann schon fragen, ob eine solche Konfrontation, ein solches Ausstellen von Leid zulässig ist und ob es zur Aufklärung etwas beiträgt.
wol

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