“Die Hochzeit. Szenen eines Ereignisses vom Lande.” Feature von Elisabeth Putz. ORF 2011
Kulturadio rbb, Sa 14.04.2012, 14.04 – 15.00 Uhr
Gastautor: Michael Lissek
Es gilt eine Newcomerin zu begrüßen, die so brandneu nun auch wieder nicht ist, aber daß sie schon begrüßt worden sei, ist mir nicht bekannt, also. Elisabeth Putz hat schon einige Hörspiele und Features produziert, hat auch gemeinsam mit dem Eggebrecht-Preisträger, dem österreichischen und notorischen Großprovokateur Petschinka Stücke gemacht. Man darf sagen, die erst 29-jährige Putz hat sich innerhalb von wenigen Jahren zu einem “Star” am Hörspiel- und Featurehimmel gemausert, der an wirklich Begabten nicht wirklich reich ist. “Die Hochzeit. Szenen eines Ereignisses vom Lande” ist ein großartiges Stück Radio. Wenn Ihnen der Name Elisabeth Putz wenig sagt, sei darauf hingewiesen, daß Frau Putz hin und wieder unter anderem Namen auftritt, unter den nomes de guerre Elodie Pascal (“für die Tragödien”, wie sie mir schreibt) und Christine Demaître (“zuständig für die Komödien“). Man spielt ihre Stücke vorzugsweise im ORF, aber mittlerweile hat sich die Qualität ihrer Arbeit auch bis ins topographisch nahegelegene, qualitativ allerdings häufig abgeschlagene Deutschland herumgesprochen.
Wenn man mit den Redakteuren der ARD-Featureredaktionen spricht, erfährt man (wenn man fragt), daß es eher selten sei, daß junge AutorInnen ihre eigenen RegisseurInnen sind. Gegen diese Personalunion spreche (so hört man) oftmals mangelndes Rhythmusgefühl, fehlende Erfahrung in der Schauspielerführung, fehlende Musikkenntnisse, freudige Fehl-Verwendung akustischer Klischees usw. Die Folge dieser raren Doppel-Begabung (setzen wir einmal die Einfach-Begabung zur Autorenschaft, also Rercherchevermögen, Themenfindung, Schreibfreude usw. voraus): Viele, vielleicht die meisten Features (zumal junger AutorInnen) sind in Ton gesetzte Texte, sind nicht vom Akustischen her gedacht. Sie klingen, trotz oder wegen der akustischen Aufhübschung durch Regisseure, trotz Britzeln, Bratzeln und Wumms im Hintergrund, trotz schöner Stimmen, die Texte rezitieren: nach dem Rascheln von Papier. Keine vorgängige Klang-Idee zu haben, heißt im Feature, hölzern zu schreiben. Ein Genre, das wesentlich auf Töne setzt, braucht beim Setzen der Töne (und schon bei den Aufnahmen) ein akustisches Konzept, ein Gefühl für Rhythmus und Atem des (aufzunehmenden; aufgenommenen) Materials. Und vielleicht: Musikkenntnisse. Oder zumindest: ein Gespür für und von Musikalität.
Betrachtet man die erfolgreichsten Featuremacher Deutschlands – Jens Jarisch; Lorenz Rollhäuser; Helmut Kopetzky; Walter Filz; Antje Vowinckel, Jean-Claude Kuner – stellt man fest, dass sie alle Regisseure ihrer eigenen Stücke sind und sie alle die genannten Qualitäten besitzen. Zu diesen Autor-RegisseurInnen gehört nun auch Elisabeth Putz. (Und was die nur in Deutschland praktizierte Aufteilung einer Featureproduktion in AutorIn, RedakteurIn und RegisseurIn und die daraus resultierende Qualität bedeutet: Darüber darf man gerne nachdenken1.)
Elisabeth Putz also ist Regisseurin, Elisabeth Putz ist Autorin, Elisabeth Putz denkt akustisch zu jeder Sekunde ihrer Tätigkeit: Beim Aufnehmen, Schneiden, Schreiben, Mischen, Komponieren. Und das hört man ihrem Stück “Die Hochzeit” an. Ebenfalls in jeder Sekunde. Was “Szenen eines Ereignisses vom Lande” auszeichnet, ist eine diebische Freude an der Oberfläche (wie der Untertitel schon suggeriert), an dem Spiel mit den Signifikanten, den lautlichen, klanglichen Phänomenen der Welt sowie den Nebengeräuschen des Sprechens: Verzögerungen, Atmer, dialektale Färbungen, usw. In der “Hochzeit” wird gelacht, geatmet, gezögert, geschrien, gewitzelt: Und dadurch das “Problem des fehlenden Bildes” wettgemacht durch ein unerschöpfliches Angebot an akustischen Szenarien, die die Zuhörer auffüllen darf. Putz geht es eindeutig nicht um “Information” – es geht ihr ums Erzählen. Um akustische Bilder von Körpern im Raum. Um ein verführerisches Angebot an den Hörer. Kurz: Ums Ganze des Radiofeatures.
Diese Putz’sche Freude an der Oberfläche ist in einem signifikat-fixierten Genre wie dem aktuellen deutschen Radiofeature (das seine Vorliebe für das Signifikat in seinem Flaggschiff, genannt “ARD-Radiofeature”, ausstellt, eifrig bewirbt und semantisch tarnt als “Investigation”…) etwas sehr Besonderes. Noch besonderer ist Putz’ Signifikanten-Spiel aber, wenn man weiß, wovon “Die Hochzeit” handelt. Dieses Stück nämlich ist das akustische Dokument der Hochzeit der Schwester von Frau Putz. Eine Familiengeschichte also. Eine Geschichte aus der eigenen Familie. Die FAMILIENGESCHICHTE aber ist ein genretypischer Topos: Peter Klein, Lorenz Rollhäuser, David Zane Mairowitz, Helmut Kopetzky (um nur einige zu nennen) haben Stücke über ihre Mütter (Väter, Großväter, Familien) produziert, und der Deutschlandradio-Kultur-Redakteur Ingo Kottkamp hat diesen Featuretopos sogar für so wichtig erachtet, daß er gemeinsam mit Guiseppe Maio eine Meta-Sendung über Familienfeatures produziert hat2. Alle diese Familienstücke aber sind, auf die eine oder andere Art, bekenntnishaft und mit einer dicken first-person-singular-Erzählfigur ausgestattet. Putz ist aber für Bekenntnisse entweder zu jung – oder viel zu oberflächlich. Zum Glück. Denn diese federleichte Bekenntnisferne gereicht ihr und sie gereicht diesem Familien-Stück zum Vorteil.
Dabei tritt Putz in ihrem eigenen Stück sogar auf: Als eine der 5 Schwestern von Claudia, die heiraten wird. Ihr Vater kommt zu Wort, einmal kurz ihre Mutter, der künftige Ehemann ihrer Schwester und immer und immer wieder die 6 Schwestern Putz, die singen, sich streiten oder einigen über Kleidungsstücke, Frisuren, Tischgedecke und allerhand anderes Hochzeitliches. Und trotzdem: Keine Ich-Erzählerin. Keine tiefschürfenden Fragen. Keine Interviewsituationen, die die Fragende aus der Schwesternschar hervorheben würde als diejenige, die die Fäden in der Hand hielte, weil sie das Mikrofon hält. Putz verschwindet im Getrubel der Schwesternliebe, und ihre Aufgabe scheint einzig darin zu bestehen, DA zu sein – und (im Nachhinein ein wenig) zu ordnen.
Das ist charmant, und das ist vor allem narrativ schlau gemacht. Denn von einer Ich-Erzählerin würde man (auf die eine oder andere Weise) eine Einschätzung der Situation erwarten. Und wenn man sie schon nicht erwartete: Würde sich, alleine durch die Einführung einer “first person singular” eine Stellung(nahme) der Autorin ergeben; ein (das Material ordnender) Mittelpunkt, ein katalysatorisches Nadelör, das der Sendung abträglich wäre (oder eine gänzlich andere Sendung generierte). Des expliziten Tiefsinns bedarf eine Hochzeit und eine Familiengeschichte nicht – das scheint Putz Haltung zu sein. Und so fehlverwendet sie ihr Material nicht zu einem Nachdenken über Hochzeiten oder (noch schlimmer) das Heiraten an sich: Sondern lässt sich treiben im freundlichen Tollhaus der Schwesternliebe.
Was aber nicht bedeutet, das “Die Hochzeit” nicht ein unheimlich anrührendes, in seinen letzten 15 Minuten sogar sentimentales Stück Radio wäre. Aber Putz stellt diese Sentimentalität nicht aus und sie stellt sie nicht qua Text oder klebriger Fragestellung her. Das Anrührende der “Hochzeit” ist die Kommunikation zwischen den Schwestern, sind die Stimmen und Stimmlagen. Wie beispielsweise die Sprechweise des Vaters changiert zwischen der Anti-Euphorie des sechsfachen Tochter-Vaters und seinem hörbaren Stolz darüber, daß eine der Töchter nun heiratet, das ist sehr berührend. Und wenn Claudia, die Braut, nachträglich erzählt, wie das war, als sie zum Altar geführt zu werden und beginnt zu weinen: Das ist großes Ohrenkino.
Man kann auf vieles hinweisen, was “Die Hochzeit” auszeichnet, und man käme an kein Ende. Eine seltene Qualität sei aber noch vermerkt: Wie Putz ihre Musiken einsetzt und verschränkt mit Sprache und Atmosphären, das ist großartig. Putz schöpft das gesamte Repertoire der Musikbedeutungen im Feature aus: Musik als Stimmungsmacher, als ironisches Distanzierungsmittel; als Signet, Icon, als (eigentlich verpönte) Illustration sogar. Musik bei Putz ist immer hoch reflektiert und immer haarscharf am Rande der Parodie. Ein heiterer Musik-Eklektizismus, der nicht trennt zwischen E und U, sondern je nach Fall nutzbar gemacht wird.
Wie sie das macht: Das hört man am besten selber.
1)Interessant dazu auch das “Featuregespräch” mit Peter Klein, dem ehemaligen Leiter der Featureabteilung des ORF, http://michaellissek.com/featuregespraeche.htm#peter_klein
2)Ingo Kottkamp und Guiseppe Maio. Familienbanden. Eine Radiorecherche. Dkultur 2011. Regie: die Autoren.(Eine Besprechung findet sich im allesbestens-Archiv, Juni 2011)

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