Januar 27th, 2012

Green Card Soldier

„Das kurze Leben des Jose Antonio Gutierrez“, Dokumentarfilm von Heidi Specogna, CH, D 2006

Arte, Di 31.1.2012, 10.40 – 12.20 Uhr

Er war der erste tote amerikanische Soldat des Irakkrieges, aber er war kein Amerikaner. José Antonio Gutierrez war ein sogenannter Green Card Soldier und kam aus Kolumbien, wo er als Straßenkind aufwuchs. Eine Geschichte, wie man sie nicht erfinden kann.

José Antonio Gutierrez war ein Straßenkind aus Guatemala. Regisseurin Heidi Specogna sagt über ihn, er sei aufgewachsen im Krieg, im Bürgerkrieg nämlich, und gestorben im Krieg – er fiel als erster amerikanischer Soldat im Irakkrieg. Dabei war er kein amerikanischer Staatsbürger, sondern einer von tausenden so genannten Green Card Soldiers. Amerikanischer Staatsbürger durfte er erst als Leiche werden. Und erst nach seinem Tod änderte die amerikanische Regierung in diesem Punkt ihre Einbürgerungspraxis.

Die Geschichte des Jose Antonio Gutierrez ging 2003 kurzzeitig durch die Medien, ehe sie wieder von anderen Aufregern verdrängt wurde. Die Erinnerung daran bewahrt hat erst die Schweizer Dokumentaristin Heidi Specogna. Sie verfolgte den Weg ihres Protagonisten, rekonstruierte sein Leben als Straßenkind, interessierte sich für seine Motive, seine Pläne, seine Träume, Hoffnungen, Enttäuschungen. Und José Antonio hat nicht viele offensichtliche Spuren hinterlassen.

Für ihre Rekonstruktion wählte die Regisseurin eine besondere Methode. Sie suchte Schauplätze und Orte auf, an denen José Antonio sich aufgehalten hatte und sucht nach Parallelen. In einer der erschütterndsten Szenen trifft sie auf drogenabhängige Jugendliche in einem Stadtteil, in dem auch Jose Antonio unterwegs war und Klebstoff schnüffelte. Sie folgt einem Jungen in das Kinderheim, in dem auch ihr Protagonist untergebracht war und befragt Menschen, die ihn kannten. Sie spricht wie er mit Menschen, die über die Grenze in die USA gegangen sind. So erzählt sie seine Geschichte in die Gegenwart hinein und ermöglicht den Zuschauern, die Geschichten selbst zu Ende zu denken.

Mit dieser erzählerischen Methode gelingt es der Autorin, José Antonios Schicksal begreifbar zu machen als ein besonderes, individuelles, das einem sehr nahe geht. Zugleich aber kann sie es zeigen als ein gewöhnliches Schicksal, das viele andere Menschen mit ihm teilen müssen. Wie in einem Brennglas spiegeln sich in seiner Geschichte all die gegenwärtigen Geschichten von Armut, Emigration und Überlebenskampf.

Heidi Specogna ist auch eine hartnäckige Rechercheurin. So fand sie die Geburtsurkunde von Josè Antonio und konnte belegen, dass das US-Militär ein falsches Geburtsdatum auf den Grabstein geschrieben hatte. Wie in vielen ihrer Filme holt die Schweizer Autorin Verschwundenes, Verschollenes ans Licht. Sie sichert Funde, die ein Bild korrigieren oder überhaupt erst eines herstellen. Ohne diesen Film wäre José Antonio, nach dem Verglühen der Schlagzeilen, ein Unbekannter geblieben.

wol


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