Dezember 2nd, 2010

Globale Babyproduktion

Google Baby. Das Geschäft mit den Leihmüttern. Film von Zippi Brand Frank. SWR / Israel 2009

SWR, Fr., 03.12.2010, 00.15-1.30 Uhr

Samen und Eizellen werden online bestellt. In den USA bauen Reproduktionsmediziner daraus einen Embryo. Der wird dann tiefgekühlt nach Indien geflogen und einer indischen Leihmutter eingepflanzt. Auch eine Geschichte der Globalisierung.

Der israelische Unternehmer Doron Mamet hat für sich und seinen Lebensgefährten in den USA ein Baby bestellt, von einer Leihmutter austragen lassen und dafür 140.000 Dollar bezahlt. Das brachte ihn auf die Frage, ob eine solche Transaktion im Zeitalter der Globalisierung nicht günstiger zu bewerkstelligen sei. Er fand in Indien eine Klinik, wo die Ärztin Nayna Patel bis zu 50 Leihmütter vorrätig hält, die Embryos für andere Menschen austragen.

„Google Baby“ erzählt Geschichten aus der Welt der Globalisierung, bei denen es einem zwischendurch so kalt über den Rücken läuft, wie es sich für die Embryos beim Transport nach Indien anfühlen muss. Die Geburten in der indischen Klinik laufen planmäßig, fast immer dienstags, immer Kaiserschnitt. Die Ärztin hält den Frauen einen Vortrag. Es könnte etwas schief gehen bei der Geburt, sie könnte sogar tödlich enden, aber „niemand ist dafür verantwortlich, auch die Klinik nicht. Sie haben keinen Anspruch auf das Kind, sie müssen es abgeben“. Der Tonfall ist freundlich, auch die Mütter lächeln, jedenfalls solange die Kamera dabei ist. Die Frauen brauchen das Geld, für ein Haus, für die Ausbildung ihrer Kinder. Später im Film wird es eine Szene geben, in der eine Frau mit größeren Mühen per Kaiserschnitt eines Kindes entbunden wird, das sie grade einmal noch ansehen darf. Es ist weißhäutig, Ei und Samen stammten aus Großbritannien. Das Gesicht der Leihmutter ist ganz leer, ihr Blick nach innen gerichtet, schmerzvoll.

„Google Baby“ ist ein merkwürdiger Film. Die Autorin entzieht sich einer Stellungnahme. Am Ende zeigt sie in einer langen Einstellung, wie der israelische Unternehmer durch die Slums von Mumbai wandert, die Stahlflasche vom Embryo-Transport hinter sich herziehend. Als wolle die Autorin damit noch einmal, und zwar durchaus einverständig, das soziale Umfeld zeigen, das junge Frauen dazu bringt, sich als Reproduktionsbehälter zu verdingen – und das Leihmutter-Geschäft damit positiv einordnen, als Ausweg aus dem Elend.

Ohnehin finden alle handelnden Personen völlig in Ordnung, was sie tun. Der israelische Unternehmer ebenso wie die amerikanische Mutter, die Eizellen spendet, weil sie Geld braucht, um das Haus zu renovieren, ebenso wie die indische Ärztin, die es fertig kriegt, mitten in der Kaiserschnitt-Operation auch noch mit dem Handy zu telefonieren. Die neutrale Haltung der Autorin macht den Film ambivalent, ärgerlich und irritierend zugleich. Menschen werden ihn unterschiedlich für sich interpretieren, kinderlose Paare ihn wahrscheinlich positiv wahrnehmen. Andere wiederum werden mit Schrecken entdecken, welch ungeheuerliche Antworten die unaufhaltsamen Prozesse kommerzieller Globalisierung noch für uns bereit halten. „Google Baby“ wurde 2009 als bester israelischer Dokumentarfilm beim Doc Aviv Festival in Israel ausgezeichnet.

wol


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