Die Kinder von Blankenese. Doku-Drama von Raymond Ley, D 2010
1extra, Do, 26.1.2012, 7.30 – 9.00 Uhr
Phoenix, Sa 28.1.2012, 22.30-0.00 Uhr
In einem Kinderheim in Blankenese werden nach Kriegsende überlebende jüdische Kinder und Jugendliche auf ein Leben in Israel vorbereitet. Ein Doku-Drama über die Nachwirkungen des Holocaust.
Das Doku-Drama setzt im Herbst 1945 ein, drei Wochen nach der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. Es gibt eine wahre Geschichte wieder. Der Film zeigt zunächst die entsetzlichen Zustände, die die Befreier dort vorfinden. Dann erzählt er von einer Initiative, die überlebenden Kinder und Jugendlichen, die ohne Angehörige sind, aus dem Lager herauszuholen, das nach Kriegsende hier für so genannte displaced persons eingerichtet worden war. So wurde ein jüdisches Kinderheim in der Villa Warburg in Hamburg-Blankenese eröffnet. Zur Verfügung gestellt hatte es der 1938 vor den Nazis emigrierte deutsch-jüdischen Bankier Eric Warburg, der nach Kriegsende in amerikanischer Uniform an den Sitz seiner Familie zurückgekehrt war.
Die ersten Kinder konnten dort im Januar 1946 einziehen. Das Kinderheim existierte bis zum Jahr 1948; insgesamt 300 Kinder haben hier vorübergehend gelebt. Viele der ‚Kinder von Blankenese‘ sind auch später noch in Kontakt miteinander geblieben; bereits 1996 haben sie gemeinsam ein Buch über ihre Erinnerungen an ihr Leben in diesem Kinderheim veröffentlicht. Erstmals im Jahr 2005 waren einige von ihnen wieder in Blankenese zu Besuch. Diese Gelegenheit hat der Filmemacher Raymond Ley genutzt, um sie als Zeitzeugen zu befragen.
Das Doku-Drama schildert die Ankunft der ersten Kinder und Jugendlichen und ihr Leben im Heim bis zum Zeitpunkt ihrer Übersiedlung nach Palästina in den neugegründeten Staat Israel. Spielszenen und Zeitzeugeninterviews sind eng miteinander verknüpft. Die jüdische Leitung des Kinderheims leistet Vorbildliches an den traumatisierten Kindern, aber sie lässt auch keinen Zweifel daran, dass sie sie auf ein Leben in einem israelischen Kibbuz vorbereiten will. Doch die Überlebenden des Nazi-Regimes finden keine völlig befriedete Welt vor. Und die Spuren, die der Holocaust bei ihnen hinterlassen hat, lassen sich zwar mildern, aber nicht tilgen. Der Film besticht durch die Fähigkeit, diese Kontinuität der Geschichte sehr differenziert zu vermitteln.
Neben antisemitischen Ressentiments, die auch nach Ende der Nazi-Zeit weiterhin von vielen Deutschen gepflegt werden, findet sich im Film die gute deutsche Haushälterin des Kinderheims als positive Figur. Neben Engländern, die bei der Einrichtung des Kinderheims helfen, gibt es auch solche, die die Auswanderung nach Palästina aus außenpolitischen Interessen behindern. So zwingt die englische Regierung ein Auswandererschiff (die „Exodus“) zur Umkehr. Seine Rückkehr nach Hamburg ist im Doku-Drama zu sehen: die Kinder von Blankenese stehen am Elbufer und winkten den Passagieren zu. Über ihren Neustart in Israel berichten Zeitzeugen über unterschiedliche, positive wie negative Erfahrungen.
Die Kinder und Jugendlichen, die in Blankenese unterkommen, sind durch die Nazis um ihre Kindheit gebracht worden. Raymond Ley zeigt, wenn auch sehr zurückhaltend und oft nur in Andeutungen, dass der Umgang mit ihnen nicht einfach ist. Neben Episoden von zeitgeschichtlicher Relevanz stehen andere, die Probleme der Kinder mit dem Erwachsenwerden schildern. Auch Rückblenden auf die Nazi-Zeit sind eingefügt. Alles steht jedoch in unmittelbaren Bezug zu den Erzählungen der Zeitzeugen.
Das Doku-Drama enthält umfangreiche, inhaltlich eng an die Aussagen der Zeitzeugen gebundene fiktive Szenen, die Spielfilmniveau haben. Spielszenen und Zeugenaussagen werden kombiniert mit relativ wenigen Archivaufnahmen; eine das Geschehen reflektierende Stimme aus dem Off zitiert aus dem Tagebuch einer Betreuerin. Die geschickten Übergänge zwischen dokumentarischen und fiktiven Sequenzen gehören zu den besten Momenten dieses Doku-Dramas.
bkw

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