„Mafia, Parasit“ . Dokumentation von Carmen Butta. D 2010
3Sat, Die 06.09.2011, 22.30 - 23.25 Uhr
Der Mafioso trägt weißen Kragen, die Staatsanwälte werden von Leibwächtern fast erdrückt und das kriminelle Geschäft hat sich globalisiert. Ein neuer Blick auf die Mafia – und was das alles mit uns zu tun hat.
Von der Mafia haben wir gemeinhin eine eindeutige Vorstellung: eine kriminelle Organisation, geleitet von mafiös aussehenden Männern, die in Italien eine millionenschwere Schattenwirtschaft betreiben. Die Filmemacherin Carmen Butta schlägt eine andere Sichtweise vor. Die Geschäfte der Mafia, sagt sie, sind inzwischen verschmolzen mit legalen Geschäften. Die Führungselite hat studiert, lebt weltläufig und beschränkt ihre Aktivitäten längst nicht mehr auf Italien.
Staatsanwalt Roberto Scarpinato aus Palermo warnt deshalb: „Im Ausland will man nicht verstehen, dass die Mafia sich globalisiert hat und in die wirtschaftlichen und institutionellen Kanäle eingedrungen ist.“ Sie sei kein Relikt der Vergangenheit, so der Anwalt, „sondern der kriminelle Protagonist des 3. Jahrtausends“.
Butta fasst die Mafia deshalb auch nicht in das Bild des Kraken, der seine Arme überall hat, sondern in das des Parasiten, der sich dort einnistet, wo schon Geld verdient wird und wo es abgeschöpft werden kann. Natürlich gehört dazu auch der kriminell-brutale mafiöse Unterbau. Im sizilianischen Gela, wo die Mafia die Raffinerie beherrscht, werden schon mal Unternehmern, die Zusammenarbeit verweigern, Autos oder Fabrikhallen angezündet.
Carmen Buttas Filme liefern keine erfreuliche Prognose. Sie verfolgt die Spuren mafiöser Aktivität in Sizilien und in der Gegend um Neapel. Sie spricht mit Staatsanwälten, die als Mafia-Jäger durchaus bedroht sind und, wie es einer von ihnen ausdrückt, ein „gepanzertes Leben“ führen. Schon allein Zahl und Gehabe der Leibwächter, mit denen sich die bedrohten Staatsanwälte umgeben müssen, schüchtert ein. Einige der Mafia-Jäger haben seit Jahren keinen Fuß mehr allein vor die Tür gestellt. Dennoch wollen sie gegen die Kultur der Angst, auf der die Macht der Mafia basiert, eine Kultur des Rechts stellen.
Carmen Buttas Filme machen es einem nicht leicht, sich das als erfolgreiches Unterfangen vorzustellen. In der Gegend um Neapel beispielsweise geht sie in ihrem Film „Dreckige Geschäfte“ den Folgen der Umweltzerstörung nach, die die Camorra angerichtet hat. Die Industrie des Nordens hatte in Kampanien jahrelang ihren Sondermüll illegal in der Landschaft verklappt. Überall stehen auch mit Planen verdeckte Müllhalden herum, Resultat des Notstands von 2008, als Neapel im Dreck zu ersticken drohte. Niemand weiß, was in den acht Millionen Ballen Müll verrottet.
Deutschland hat davon auch etwas abgekriegt. Fast hundertfünfzigtausend Tonnen neapolitanischen Mülls sind in Sachsen gelandet. Und dort zum Teil verschwunden. Bis heute weiß niemand genau, wohin.
wol

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