September 15th, 2011

Dicht erzählte Geschichte

“Aghet – ein Völkermord“, Dokumentarfilm von Eric Friedler. D 2010

SWR, Mo, 19.09.2011, 23.30 – 01.05 Uhr

Es war der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts. Bis zu 1,5 Millionen Armenier fielen zwischen 1915 und 1918 dem Traum vom türkischen Großreich zum Opfer. Bis heute streitet die offizielle türkische Politik den Genozid ab.

„Aghet“ ist armenisch und bedeutet „Katastrophe“. Diesen Namen geben die Armenier dem Genozid, dem ihr Volk in den Jahren von 1915 bis 1918 zum Opfer gefallen ist. Dem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts und in manchem ein Vorbild für folgende Völkermorde. Bis zu 1,5 Millionen Armenier, die bis dahin als Minderheit im Osmanischen Reich gelebt hatten, kamen ums Leben. Sie wurden vertrieben, ausgehungert und deportiert, mit der Bagdadbahn in Viehwaggons abtransportiert oder zu Fuß aus dem Land getrieben, ohne Wasser und Nahrung, Tausende von Kilometern bis in die Wüsten Syriens.

Der Dokumentarist Eric Friedler , dessen Film „Das Schweigen der Quandts“ mehrfach prämiert wurde, rekonstruiert die grausigen Ereignisse. Er hat viele eindrucksvolle Dokumente aus den Archiven geholt, die noch nie auf dem Bildschirm zu sehen waren und zu einer ungemein dichten Geschichtserzählung montiert. Fotos, Filmszenen und vor allem auch schriftliche Dokumente: detaillierte Lageberichte deutscher und US-amerikanischer Diplomaten, Schilderungen von dänischen und schwedischen Ärzten, von Sozialhelfern, Lehrern, Korrespondenten und Krankenschwestern, die damals in der Türkei lebten und ihre Beobachtungen festgehalten hatten. So erinnert sich zum Beispiel die schwedische Missionsschwester Alma Johansson: “Die verhafteten armenischen Männer wurden in Hölzer eingeklemmt, die Füße mit Nägeln beschlagen wie Pferde. Die Barthaare, Augenwimpern, die Nägel an den Fingern und die Zähne herausgezogen. Sie wurden mit Füßen nach oben gehängt. Viele sind gestorben, manche überlebten, kamen in ärztliche Behandlung. So haben wir diese Verletzungen zu sehen bekommen.”

Diese dokumentarischen Texte lässt Eric Friedler von Schauspielern sprechen, der Elite der deutschen Fernsehschauspieler, die hier einmal aus ihren Beziehungskisten und Tatorten herauskommen und ihre Kunst politisch einsetzen: Martina Gedeck, Hanns Zischler, Axel Milberg, Ulrich Noethen, Burkhard Klaußner. Sie arbeiten alle ungemein diszipliniert, spielen nicht, lesen auch nicht bloß vor, sondern holen mit der Stimme die Worte aus der Abstraktion des historischen Dokuments. Man muss gebannt zuhören.

Bis heute wird in der Türkei der Völkermord von der Politik offiziell bestritten. 2007 wurde der armenische Journalist Hrant Dink, der sich für die historische Wahrheit stark gemacht hatte, von türkischen Nationalisten ermordet, Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk wegen Verunglimpfung der Türkei vor Gericht gezerrt. Der Film setzt dabei deutlich den Akzent, im historischen Rückblick nicht das ganze türkische Volk anzuklagen. Zur Historie gehört auch, dass die Türkei, mit Deutschland im Bündnis, wegen des Völkermords nicht politisch verurteilt wurde. Auf die Berichte seines empörten Botschafters in Istanbul antwortete damals der deutsche Reichskanzler Bethmann-Hollweg: “Unser einziges Ziel war, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gingen oder nicht.” Bis heute spielen solche Bündnisrücksichten der offiziellen türkischen Haltung in die Hände.

wol


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