Januar 27th, 2012

Charakterstudie

“Wehner – Die unerzählte Geschichte”. Teil 1: Die Nacht von Münstereifel. Teil 2: Hotel Lux. Doku-Drama von Heinrich Breloer, D 1993

NDR, Sa 28.1.2012, 23.15 – 01.00 Uhr (Teil 1), 01.00 – 02.45 Uhr (Teil 2)

Zweiteiliges Doku-Drama über den SPD-Politiker Herbert Wehner, in denen es jeweils um den alten und um den jungen Herbert Wehner geht. Im Mittelpunkt stehen als Schlüsselszenen die Rolle Wehners beim Rücktritt Willy Brandts als Bundeskanzler 1974 (Teil 1) und Wehners Zeit im Moskauer Exil 1935 – 41(Teil 2), die zu seiner Abkehr vom Kommunismus geführt hat.

Es handelt sich um zwei in sich geschlossene eigenständige Fernsehfilme. Entgegen der Chronologie beschäftigt sich zunächst der erste Teil mit Wehners ‚Alters‘-Rolle als führender SPD-Politiker in der nach dem Nachkrieg neu gegründeten Bundesrepublik, fokussiert auf die Ereignisse um den Rücktritt von Willy Brandt (1974) nach Bekanntwerden der Guilleaume-Affäre. Der zweite Teil geht in seine Vergangenheit zurück als junger KPD-Funktionär, fokussiert auf seine Zeit im Moskauer Exil, in der er im „Hotel Lux“ – wie andere deutsche Exil-Kommunisten auch – den stalinistischen Säuberungen ausgesetzt war. Wehner entkam ihnen 1941 mit einem Parteiauftrag, der ihm befahl, von Schweden aus nach Deutschland zu gehen, um dort illegal für die KP zu arbeiten. In Schweden, außerhalb des Einflussbereiches Stalins, wurde er verhaftet bzw. ließ sich verhaften. Er brach mit der Partei bzw. wurde von ihr ausgeschlossen.

Viele Details in seiner Biografie sind bis heute unklar geblieben. Dem Filmemacher Heinrich Breloer ist es zu verdanken, dass in den 90er Jahren, nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der deutschen Wiedervereinigung, die Vorkriegsbiografie mit der Nachkriegsbiografie Wehners erstmals zu einem aussagekräftigen Film-Porträt dieses Politikers zusammengefügt werden konnte. Breloer, der zu Beginn des Projekts einer Person wie Willy Brandt emotional sicher näher gestanden haben dürfte als Herbert Wehner, gelingt mit seinem Doku-Drama eine Annäherung an diese sehr vielschichtige, aber auch außerordentlich begabte Politiker-Persönlichkeit und macht durch seine filmische Erzählweise diesen Prozess für alle nachvollziehbar.

Bleibt der erste Teil, in dem sich alles um die Ereignisse von 1974 dreht, doch eher im Exemplarischen verhaftet, geht der zweite Teil mehr chronologisch vor. Er handelt vom jungen Wehner und erzählt seine gesamte Lebensgeschichte bis zum Kriegsende. Er ist eine eindringliche Charakterstudie des jungen Wehner in einer schwierigen, beinahe ausweglosen Lebenssituation. Dass Wehner die stalinistischen Säuberungen überlebt hat, verdankt er auch dem Umstand, dass er das Spiel um Denunziation und Gegen-Denunziation virtuos beherrscht zu haben scheint. Es gelingt Breloer dies in den von vielen Zeitzeugen-Interviews begleiteten Spielszenen deutlich zu machen, ohne Wehner als Person bloßzustellen. So wird gerade dieser zweite Teil zu einem psychologisch präzisen Porträt eines zwischen den politischen, ideologischen und militärischen Fronten geratenen individuellen Schicksals. Hier begreift man, wie Wehner zu der Persönlichkeit geformt wurde, die er in der deutschen Nachkriegsgeschichte darstellte.

Als einer der ersten fand Breloer 1991 Zugang zu den Moskauer Archiven. Sein Doku-Drama besteht aus einer geschickten Montage von fiktiven und dokumentarischen Szenen. Große Teile des Dokumentarspiels sind in schwarz-weiß gedreht; die rekonstruierten Szenen aus den dreißiger Jahren und dem Hotel Lux sogar mit einer alten 35mm Kamera. Die für dieses Projekt neu gedrehten Interviews mit Zeitzeugen sind dagegen in Farbe. Darunter befinden sich auch viele bis zu diesem Zeitpunkt weitgehend unbekannte, sehr betagte Zeitzeugen aus Wehners Zeit vor 1941. Die hier erstmals vor die Kamera geholt zu haben, hat den Film heute – rund zwanzig Jahre nach seiner Entstehung – selbst zu einem historischen Dokument werden lassen. Nach seiner Erstausstrahlung im Jahr 1993 wurde der Zweiteiler mit dem Prix Europa und dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet.

bkw


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