Januar 27th, 2012

Auf der Suche

Die Akte B. Alois Brunner – Die Geschichte eines Massenmörders“. Dokumentarfilm von Georg M. Hafner und Esther Schapira, D 1998

HR, So 29.01.2012, 01.30 – 03.10 Uhr

Ein verschwundener Nazi: Alois Brunner war ein Massenmörder, die rechte Hand des SS-Mannes Adolf Eichmann. Er konnte sich dank der Hilfe von BND und CIA einem Prozess entziehen und eine zweite Karriere als Judenfeind starten. Eine Recherche.

Am sehr frühen Morgen fährt der Fiaker durch das nachtblaue Wien. Die Kamera sieht dem Kutscher über die Schulter. Fahrt über den Heldenplatz. Ein Wienerlied erklingt, das Fiakerlied. Schnitt zum dokumentarischen Bild: Hitler auf dem Heldenplatz, die heilschreienden Wiener, die Heim-ins-Reich-Rede. Ein Blick ins Lexikon der Juden in Wien. Der Komponist des Fiakerlieds, Gustav Pieck, ist ein Jude, sein Lied wird verboten.

Diese Sequenzen, in denen gesellschaftliche Ausgrenzung der Juden in Wien mit filmischen Mitteln beschrieben wird, stehen ziemlich am Anfang des Dokumentarfilms, der dem Leben und dem Schicksal des SS-Massemörders Alois Brunner nachgeht. Eine unabgeschlossene Geschichte. Brunner ist nachweislich für die Ermordung von 120.000 Menschen verantwortlich. Er galt als rechte Hand Adolf Eichmanns. An die 50.000 Juden hat er aus Wien deportieren lassen, er hat in Saloniki in wenigen Wochen die größte jüdische Gemeinde in Südeuropa ausgelöscht, in der Slowakei, dann in Frankreich die Deportationen vorangetrieben. Danach verschwand Brunner mit Hilfe von Reinhard Gehlen, der später erster Chef des Bundesnachrichtendienstes wurde, und des amerikanischen Geheimdienstes. Brunners zweite Karriere als Judenfeind begann in der syrischen Regierung. Und obwohl sein Aufenthaltsort bekannt war und ein Auslieferungsanstrag möglich war, wurde offenbar nie einer gestellt oder durchgesetzt. Brunner wurde lange in Damaskus vermutet. Inzwischen ist es sehr unwahrscheinlich, dass er noch lebt, aber die Frage ist ungeklärt.

Akribisch tragen die Autoren die Ergebnisse ihrer Recherche zusammen. Sie interviewen Zeitzeugen, holen individuelle Schicksale aus der Anonymität der Massendeportationen heraus. Eine Recherche in Brunners Geburtsort Rohrbrunn im österreichischen Burgenland fördert dieses verschwiemelte Bewußtsein zutage: niemand weiß etwas Genaues, niemand will etwas wissen, man ist doch auch miteinander verwandt, aber soll auch den „alten Mann“ in Damaskus in Ruhe lassen. Gewiß eine der eindrucksvollsten Figuren, die einem auf dieser Recherche begegnen, ist der Frankfurter Oberstaatsanwalt Hans Eberhard Klein. Der zeigt sich auf eine umwerfende Weise ahnungslos, desinteressiert und uninformiert. Es wird offensichtlich, wie viele Leute gar nicht erst versucht haben, dieses Alois Brunner habhaft zu werden.

Ästhetisch kann man die Dokumentation von Schapira und Hafner als eine Art Anti-Programm zu den Geschichts-Inszenierungen von Guido Knopp ansehen. Sie vermeiden das Mittel der „szenische Konstruktion“, um Bilderlücken zu füllen und sie meiden auch den selbstgewiss rekonstruierenden Gestus. Sie trumpfen nicht auf, weder mit Dokumentarbildern noch mit felsenfesten Kommentaren. Mit dem dokumentarischen Material gehen sie vergleichsweise sehr sparsam um. Das Hauptgewicht der filmischen Arbeit liegt darauf, Zeitzeugen zu hören, die gesellschaftliche Atmosphäre zu rekonstruieren (wie am Beispiel des Wiener Heldenplatzes) und das Material durch Montagen zu ordnen. Die Autoren verknoten Vergangenheit, Gegenwart und Geschichte und arbeiten dabei mit einer ziemlich komplizierten Form der Montage von Bild, Dokumentarbildern, O-Ton und inszeniertem Ton, die es dem Zuschauer nicht leicht macht, der Recherche zu folgen.

wol


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